Auf dem Etikett erscheinen sie als Hydrolyzed Silk, Serica oder Hydrolyzed Sericin, und der Name lässt an einen kostbaren Wirkstoff denken. Seidenpeptide sind etwas Bestimmtes und bewirken etwas Bestimmtes: Es lohnt sich zu wissen, was genau, denn es ist nicht das, was der Name vermuten lässt.
Seidenpeptide sind Fragmente, die durch die Aufspaltung der beiden Proteine des Seidenraupenkokons entstehen. Sie sind keine Signalpeptide: Sie kommunizieren nicht mit Fibroblasten und regen die Kollagenbildung nicht an. Sie wirken an der Oberfläche, wo sie einen dünnen Film bilden, der Wasser bindet und die Haut glatt anfühlen lässt. Die Wirkung ist unmittelbar und sensorisch, nicht strukturell.
Artikel von Elisa Avalle, Gründerin von LeLang Skin Care und Spezialistin für Dermokosmetik. Das Titelbild wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
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Woher sie stammen
Der Kokon der Seidenraupe besteht aus zwei Proteinen. Fibroin ist der eigentliche Faden, aus dem Gewebe entsteht. Sericin ist die gummiartige Substanz, die den Faden zusammenhält, und wird in der Textilindustrie während des Entbastens entfernt: Jahrelang war sie ein Produktionsabfall, heute ist sie ein Rohstoff.
Beide sind in ihrer ursprünglichen Form zu große Proteine, um auf intakter Haut etwas zu bewirken. Für den Einsatz in einem Kosmetikum werden sie hydrolysiert, also mit Säuren oder Enzymen in kürzere Fragmente zerlegt. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Peptiden und freien Aminosäuren, die in Lösung bleibt und sich gleichmäßig auf der Haut verteilt.
Warum die Haut sie erkennt
Die Zusammensetzung von Seide ist ungewöhnlich einfach: Glycin, Alanin und Serin machen allein den mit Abstand größten Teil der Aminosäuren des Fibroins aus.
Serin ist außerdem ein Bestandteil des Natural Moisturizing Factor, des natürlichen Feuchthaltefaktors der Hornschicht, in der freie Aminosäuren den größten Anteil ausmachen. Das ist der Grund, warum diese Hydrolysate eine gute Affinität zur Hautbarriere und eine hohe Verträglichkeit aufweisen.
Das ist allerdings auch die Grenze dieser Argumentation. Eine Ähnlichkeit mit dem, was die Haut bereits enthält, macht einen Inhaltsstoff an der Oberfläche gut verträglich und nützlich; sie verwandelt ihn nicht in einen Wirkstoff, der die Dermis verändert.
Was sie tatsächlich leisten
- Sie halten Wasser an der Oberfläche zurück. Der gebildete Film verringert die Verdunstung aus der Hornschicht und sorgt für einen sofort spürbaren Feuchtigkeitseffekt.
- Sie machen die Haut fühlbar glatt. Das ist der deutlichste Effekt und kein nebensächliches Detail: Die gute Gleitfähigkeit ist einer der Gründe für ihren Einsatz.
- Sie sorgen für eine gleichmäßigere Lichtreflexion. Eine ebenmäßigere Oberfläche lässt den Teint gleichmäßiger erscheinen, mit diesem leicht opaleszenten Ergebnis, das im Fachjargon als Soft-Focus-Effekt bezeichnet wird.
- Sie verbessern das Hautgefühl der Formulierung. Bei Reinigungsprodukten, Masken und Haarpflegeprodukten ist das oft ihre Hauptfunktion.
Sericin verfügt außerdem über eine Literatur zur antioxidativen Wirkung und zur Fähigkeit, Feuchtigkeit zu spenden. Ein großer Teil davon stammt aus In-vitro-Studien und Untersuchungen an Tiermodellen. Das ist ein interessanter und noch offener Forschungszweig, aber kein Wirksamkeitsnachweis am menschlichen Gesicht.
Was sie nicht leisten
Sie regen die Kollagenproduktion nicht an, mildern keine Mimikfalten und wirken nicht auf die Zellerneuerung ein. Wenn ein Produkt Seide als Anti-Aging-Wirkstoff bewirbt, ersetzt es den Wirkmechanismus durch die suggestive Wirkung des Rohstoffs.
Das ist der entscheidende Unterschied zu biomimetischen Peptiden: Sie sind im Labor hergestellte Moleküle mit einer präzisen Sequenz, die ausgewählt wurde, um ein ebenso präzises Signal an die Fibroblasten zu übermitteln.
| Vergleich | Seidenpeptide | Biomimetische Peptide |
| Herkunft | Hydrolyse eines natürlichen Proteins | Synthetisch, festgelegte Sequenz |
| Wo sie wirken | Hornschicht, an der Oberfläche | Tiefere Schichten der Epidermis |
| Mechanismus | Feuchtigkeitsspendender Film | Signal an die Fibroblasten |
| Zeitraum | Sofort | Vier bis acht Wochen |
| Worauf sie wirken | Geschmeidigkeit, Komfort, Ausstrahlung | Straffheit, Falten, Elastizität |
Es sind zwei Werkzeuge für zwei Ziele, nicht das eine als Alternative zum anderen. In gut formulierten Produkten kommen sie gemeinsam vor, und jeder erfüllt seine Aufgabe.
So liest man sie auf dem Etikett
Die zu suchenden INCI-Bezeichnungen sind Hydrolyzed Silk, Serica, Hydrolyzed Sericin und Silk Amino Acids. Sie sind allgemein: Sie sagen weder, von welchem der beiden Proteine ausgegangen wird, noch wie weit die Hydrolyse fortgeschritten ist - und genau diese beiden Angaben verändern das Verhalten des Inhaltsstoffs.
Die Position in der INCI-Liste sagt wie immer mehr als der Name: Gegen Ende der Liste liegen wir im Bereich von Bruchteilen eines Prozents, und diese Menge beeinflusst eher das Hautgefühl als alles andere.
Tierischer Ursprung und Alternativen
Zwei praktische Einschränkungen sollten genannt werden. Die erste: Seide ist tierischen Ursprungs, daher sind ihre Hydrolysate nicht Bestandteil veganer Formulierungen. In Produkten, die tierische Inhaltsstoffe ausschließen, werden sie durch Hydrolysate aus Reis, Hafer, Weizen oder Soja ersetzt, die dieselbe filmbildende und feuchthaltende Funktion haben.
Der zweite Punkt: Reaktionen sind selten, aber wer bekanntermaßen empfindlich auf Seidenproteine reagiert, sollte vor dem Kauf die INCI-Liste lesen. Das gilt auch für Menschen mit sehr reaktiver Haut, bei denen jedes pflanzliche oder tierische Protein zunächst an einer kleinen Hautstelle getestet werden sollte.
Ein Kosmetikprodukt wirkt auf der Hautoberfläche und in den oberflächlichen Hautschichten und behandelt gemäß der Verordnung (EG) 1223/2009 und der Verordnung (EU) 655/2013 keine klinische Erkrankung. Bei einer anhaltenden Hautreaktion ist der Arzt die richtige Anlaufstelle.
Wann es sinnvoll ist, nach ihnen zu suchen
Sie sind in einem Reinigungsprodukt, einer Maske oder einer Creme sinnvoll, die sich angenehm auf der Haut anfühlen soll, sowie in Haarpflegeprodukten, wo der Film sichtbar und spürbar ist. Sie sind bei trockener oder spannender Haut sinnvoll, zusätzlich zu einem Feuchtigkeitssystem auf Basis von Hyaluronsäure, Urea und Aminosäuren.
Sie sind nicht sinnvoll, wenn es um Zeichen der Hautalterung geht: In diesem Fall ist ein anderes Etikett zu lesen, nämlich das der Peptide mit einer Zahl dahinter.
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Häufig gestellte Fragen
Sind Seidenpeptide gegen Falten wirksam?
Nein. Sie übermitteln keine Signale an Fibroblasten und greifen nicht in die Kollagenproduktion ein. Sie machen die Oberfläche glatter und gleichmäßiger, wodurch feine Linien auf trockener Haut weniger ausgeprägt erscheinen können, solange das Produkt auf der Haut liegt. Das ist ein optischer Effekt, keine strukturelle Veränderung.
Was ist der Unterschied zwischen Fibroin und Sericin?
Fibroin ist der Seidenfaden, Sericin der Klebstoff, der ihn zusammenhält. Fibroin-Hydrolysate wirken vor allem filmbildend; zu Sericin gibt es darüber hinaus Literatur zur Feuchtigkeitsversorgung und antioxidativen Aktivität, größtenteils aus In-vitro-Studien. Auf dem Etikett ist dieser Unterschied nicht immer erkennbar.
Sind Seidenpeptide vegan?
Nein, sie sind tierischen Ursprungs. In veganen Formulierungen wird dieselbe Funktion von hydrolysierten Proteinen aus Reis, Hafer, Weizen oder Soja übernommen.
Sind sie für empfindliche Haut geeignet?
Im Allgemeinen ja: Die Verträglichkeit ist hoch, und die Zusammensetzung ähnelt den Aminosäuren, die die Haut bereits enthält. Wer bekanntermaßen empfindlich auf Seidenproteine reagiert, sollte sie jedoch meiden; bei sehr reaktiver Haut empfiehlt sich immer ein Test an einer kleinen Stelle.
Sind sie dasselbe wie die Peptide, die man in Anti-Aging-Seren findet?
Nein, und der gebräuchliche Name führt in die Irre. Anti-Aging-Peptide sind synthetische Moleküle mit einer präzisen Sequenz, etwa Tripeptide oder Hexapeptide, die entwickelt wurden, um eine Botschaft an die Zellen zu übermitteln. Seidenpeptide sind heterogene Fragmente eines natürlichen Proteins, und ihre Wirkung endet an der Oberfläche.
Die Quellen dieses Artikels
- Padamwar M.N., Pawar A.P. (2004). "Silk sericin and its applications: a review". Journal of Scientific and Industrial Research, Bd. 63, S. 323-329.
- Literatur zur Aminosäurezusammensetzung von Seidenproteinen: Glycin, Alanin und Serin machen den mit Abstand größten Anteil des Fibroins aus.
- Literatur zum Natural Moisturizing Factor: Freie Aminosäuren, die aus dem Abbau von Filaggrin entstehen, machen den größten Anteil des natürlichen Feuchtigkeitsfaktors der Hornschicht aus.
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über kosmetische Mittel.
- Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission über gemeinsame Kriterien für die Begründung von Werbeaussagen im Zusammenhang mit kosmetischen Mitteln.
Auf der Website: Peptide für die Haut · Aminosäuren in Kosmetika · Hautbarriere · Inhaltsstoff-Steckbrief: Peptide

